Glossar

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Steve de Shazers´ Schlüsselbund

Oft hört man den Stoßseufzer, das Werk de Shazers entziehe sich der Systematisierung. Und tatsächlich fällt es schwer, so etwas wie einen roten Faden zu ziehen, vermutlich, weil de Shazer seine Erkenntnisse experimentell-pragmatisch gewann, sie auch in dieser Form darstellte und sich allenfalls intuitiv an Richtlinien hielt.

Der nachfolgende Text charakterisiert den Hintergrund zu dem Buch „Wege der erfolgreichen Kurztherapie“. Wichtig ist, daß de Shazer den folgenden Gedanken nicht in dieser Form formulierte, aber ihn zur Grundlage machte:

Die menschliche Seele, als informationsverarbeitendes System gesehen, dient prinzipiell der Lösung von Optimierungsaufgaben. Als solches findet sie lokale Optima des sich (mehr oder weniger) Wohlfühlens (Bezug zu R. Lazarus‘ Emotionstheorie). Diese Optima bzw. Attraktoren (!) kann man unter gegebenen Rahmenbedingungen als unveränderlich, als Zustände auffassen. Die prinzipielle Aufgabe des Kurztherapeuten ist es, die Rahmenbedingungen so zu verändern, daß der gegenwärtige Zustand verlassen wird und eine Re-Optimierung stattfinden kann, die letztendlich die Stabilisierung in einem anderen Zustand ermöglicht. Dazu muß der neue Zustand nicht bekannt sein und auch nicht, aus welchen Gründen der jetzige Zustand eingenommen wurde. Der Zustandswechsel wird über die gezielte Änderung der Rahmenbedingungen erreicht, die nach dieser Beeinflussung ein neu zu lösendes Optimierungsproblem darstellen.

Die Abbildung verdeutlicht, wie Schlüssel wirken können, wenn man das Modell eines „Optimierungssystems“ wählt.

Schluessel_Reoptimierung

In allen drei Fällen braucht das zu erreichende „bessere“ Optimum, die „Lösung“, nicht vom kurztherapeutischen Praktiker definiert zu werden, sondern ergibt sich automatisch aus einer Modifikation der Bedingungen, die den gegenwärtigen Zustand, das „Problem“ charakterisieren, worauf der Klient die Lösung durch „Versuch und Irrtum“ bzw. „Methode des unbekümmerten Probierens“ selbst findet.

„Schlüssel“ nutzen bestimmte Eigenschaften des Systems „Seele“ (1. Ebene) bzw. „Familie“ (2. Ebene) zu therapeutischen Zwecken:

  • Wird dem System „Seele“ bzw. „Familie“ ein Besser-Fühl-Zustand und ein gangbarerer Weg dorthin angeboten, bewegt es sich unweigerlich auch dorthin. Dies kann es jedoch nur tun, wenn es auf der Ebene der Emotionen von solchen potentiellen Alternativen erfährt, d.h. wenn es „plastisch“ vorstellbar ist. Diese Vorstellbarkeit zu erzeugen, dazu dienen Techniken wie die „Wunderfrage“, die Kristallkugeltechnik und die Suche nach bereits erlebten Ausnahmen. Dies sind eigentlich Konstruktionstechniken zur Erweiterung des Erfahrungs- und Suchhorizontes (Schlüssel 1, meine Merkphrase: „das Fernglas“).
  • Viele seelische Beschwerden sind an ein Empfinden von Hilflosigkeit gekoppelt. Handlungsfreiheit ist für das „System Seele“ eine überlebenswichtige Priorität. Führen Maßnahmen dazu, daß Alternativen - seien Sie auch scheinbar grotesk - sichtbar werden, ist das Ziel, Handlungsfreiheit herzustellen, erreicht. Erst das ermöglicht weitere Änderungsschritte. Steve de Shazer bezeichnet dies als das „Sowohl als Auch“, wo vorher „Entweder-Oder“ gewesen sei, d.h. eine unbewußte Entscheidung muß revidiert werden, um Entwicklung zu ermöglichen. Handlungsfreiheit schaffende Schlüssel nehmen oft die Form von „Brückenalternativen“ an, d.h. die entsprechende Konstruktion ist nicht die eigentliche Lösung, sondern das „Sprungbrett“ zwischen „Entweder“ und „Oder“, wobei das „Oder“ sich erst ergibt und nicht definiert zu werden braucht. Typische Brückenalternativen sind z.B. die Aufgaben vom Typ „Tun Sie etwas anderes“. „Etwas anderes“ ist ja bereits per definitionem temporär (Schlüssel 2,  meine Merkphrase: „die Räuberleiter“).
  • Verstärkend wird dazu oft die Attraktivität des gegenwärtigen, festgefahrenen Zustandes vermindert, bzw. die Attraktivität vorstellbarer Alternativzustände erhöht, um die Rahmenbedingungen in Richtung Systemdestabilisierung zu verändern (Schlüssel 3, meine Merkphrase: „den Spaß an der Sache verderben“, wobei der „Spaß“ auch speziell für Vermeidungshaltungen steht.)

    Dies geht besonders dann, wenn konkrete „selbsthaltende“ Abhängigkeitsschleifen ersichtlich werden. Schleifen beziehen ein weiteres Element der Systemtheorie gedanklich mit ein, die Kreisverstärkung, woraus sich alle möglichen Phänomene ergeben können, bis hin zu Oszillationen, wie z.B. bei dem „mit und ohne Drogen“-Fall. Kreisverstärkungen stabilisieren ein „Optimum“, was z.B. der Gegenstand der strategisch ausgerichteten Therapien ist (vgl. z.B. Nardone, „versuchte Lösungen halten das Problem aufrecht“). Stabilität in dynamischen Systemen beruht auf Rückkopplungen. Bedingen solche Schleifen eine schlechte Umweltanpassung, müssen sie aufgebrochen werden. De Shazer hat demonstriert, wie man Schleifen am „weniger offensichtlichen Ende“ unterbrechen kann, wie am Beispiel der bettnässenden Familie, deren Mitgliedern „der Spaß verdorben wird“, wenn sie die häßliche Arbeit des Wäschewaschens selbst übernehmen müssen.

    Es gibt allerdings auch positiv-stabilisierende Schleifen, wie der sich gegenseitig bestätigende (gesunde) Narzißmus erfolgreicher Teamarbeit. Steve de Shazer demonstriert auch, daß man die Wirkung solcher positiv-bestärkender Schleifen nutzen kann, wie bei den Aufgaben, wo Paare und Familien gebeten werden „lohnende Beispiele“ der Kooperation zu finden. Letzteres ist gleichzeitig eine Suchraum-Erweiterungstechnik im Sinne der zu fördernden „Ausnahmen“.

    Es ist auch eine Verminderung der Attraktivität des gegenwärtigen Zustandes, den negativen Auffassungen des Klienten von sich selbst erfolgreich zu widersprechen, beispielsweise durch Komplimente. Komplimente, wie de Shazer und Berg sie verstehen, „verderben einem den Spaß daran“, sich in der eigenen Hilflosigkeit häuslich einzurichten.

  • Um funktionsfähig zu bleiben, versucht das „System Seele“ logische Widerspruchsfreiheit herzustellen. Es ändert daher im Rückschluß die Bewertung von Annahmen, die zu dem vorher eingenommen, jetzt aber unattraktiv gewordenen Zustand geführt haben. Dies ist die von de Shazer genannte „Änderung des Denkrahmens.“ De Shazer benutzt die „Änderung des Denkrahmens“ als Verifikator, um tatsächliche Lösungen von Scheinlösungen zu trennen. Scheinlösungen bewirken keine rückwirkende Modifikation von Annahmen.

Skalierungsfragen dienen dazu, die Qualität des jetzigen und des angestrebten Zustandes so präzise wie möglich zu charakterisieren. Trüge man die „gegenwärtigen“ Werte über die Zeit in ein Diagramm ein, ergäbe sich eine Trajektorie im Optimierungsraum ganz im Sinne der obigen Abbildung. Die Ergebnisse der Skalierungsfragen stellen die Rückmeldungen für den kurztherapeutischen Praktiker dar, an denen er sich orientiert.

Der nachfolgende (ältere!) Aufsatz versucht, die Zusammenhänge in etwas anderer Form kompakt zu charakterisieren.

„Schlüssel zur Lösung“ (PDF, ca. 100kB)

Lösungsorientierte Kurztherapie stellt sehr hohe Anforderungen an den Ausübenden, da er intuitives Systemverständnis im obigen Sinne benötigt (Optimierungsprozesse; Stabilität durch Rückkopplung; Konsequenzen verändern Annahmen). Leider wird dieses Systemverständnis in den letzten Jahren immer weniger thematisiert, so daß der Eindruck entsteht, lösungsorientierte Kurztherapie sei eine Frage der lösungsfokussierten Kommunikation. Die lösungsfokussierte Kommunikation ist aber das „Trägermittel“, welches die Idee transportiert, nicht das eigentliche therapeutische Agens, denn dieses ist, wie bereits von Erickson überzeugend demonstriert, individuell und als solches nicht schematisch lehrbar.

Nach Dolan/de Shazer „Mehr als ein Wunder“ (erschienen 2007, das letzte Buch, an dem Steve de Shazer mitgearbeitet hat) haben sich als die therapeutischen Prinzipien und Techniken der lösungsorientierten Kurztherapie herauskristallisiert:

  1. Positive, kollegiale, auf eine Lösung gerichtete Einstellung (Grundlegende Beziehung Praktiker-Klient, bedeutet vor allem eine nicht-autoritäre Haltung des „Nichtwissens“, die dem Klienten maximalen Freiraum läßt),
  2. Suche nach früheren Lösungen („Fernglas“),
  3. Suche nach Ausnahmen („Fernglas“),
  4. Fragen statt Direktiven oder Deutungen (das „Wie“ des Reoptimierungsprozesses liegt maßgeblich in der Hand des Klienten und wird nicht vom Praktiker vorgeschlagen, das ist anders als z.B. bei Erickson oder bei der strategisch ausgerichteten Therapie),
  5. Auf die Gegenwart und Zukunft gerichtete Fragen anstelle von Fragen, die auf die Vergangenheit fokussieren (die Vergangenheit ist nicht veränderbar, nicht reoptimierbar, vgl. auch das Arbeiten von der Konsequenz zur Annahme statt wie traditionell andersherum),
  6. Komplimente und Anerkennung (Stärkung des Selbstvertrauens und damit der Bereitschaft zu Energieeinsatz und Frustrationstoleranz, Destabilisierung negativer Selbstkonzepte „den Spaß an der Sache verderben“),
  7. Sanfte Anstöße zu Handlungen, die schon funktioniert haben (Hervorhebung im Ansatz erfolgreicher Reoptimierungsschritte),
  8. Bereits vor der Sitzung eingetretene Veränderung (auch die Entscheidung, einen Praktiker aufzusuchen, ist bereits eine Veränderung der Rahmenbedingungen),
  9. Auf Lösungen gerichtete Ziele (Lösungen sind „neue Optima“),
  10. Die Wunderfrage („Fernglas“, Zukunftsausrichtung, Hoffnung, perspektivische Kompetenz, die Frage „was wird anders sein“ schärft auch erheblich das Bewußtsein des Klienten über seinen gegenwärtigen Zustand und seine unerfüllten Wünsche, d.h. die Wunderfrage bewirkt Bewußtwerdung),
  11. Skalierungsfragen („Höhenmesser“ in Bezug auf die Optima),
  12. Lösungen und Ausnahmen konstruieren (hierunter verbirgt sich die individuelle Schlüsselsuche),
  13. Bewältigungsfragen (wodurch wird das gegenwärtige Optimum gehalten, auch das dient der Bewußtwerdung über Kompetenzen des Klienten),
  14. Experimente und Hausaufgaben (Klient arbeitet selbständig am Reoptimierungsprozeß, auch mit vorgeschlagenen Schlüsseln),
  15. „Was ist seit unserem letztem Gespräch besser geworden, auch wenn es nur ein kleines bißchen besser ist?“ (Fortschritte bei der Reoptimierung erkunden und verstärken).

Im lösungsfokussierten Stil zu kommunizieren, ist nicht von sich aus wirksam, sondern der Praktiker muß einen Erfahrungshintergrund für therapeutische Lösungen haben (bei Steve de Shazer u.a. das Erickson‘sche Erbe). Für den lösungsorientierten Praktiker ist die lösungsfokussierte Kommunikation das, was für Erickson die Hypnose war – ein Mittel zum Zweck.